Diesmal habe ich keine Antworten, kein Konzept, das helfen kann – nur meine Beobachtungen.
Eine Redensart besagt: TRIFF NIE DEINE HELDEN!
Da ist viel Wahres dran oder anders: WO MENSCHEN SIND, MENSCHELTS!
Wir sollten wohl niemals andere auf einen Sockel stellen, denn je höher er ist, desto tiefer fallen unsere Helden.
Allerdings frage ich mich in letzter Zeit doch oft: WIE IST ES MIT IHREN WERKEN? Kann man das Werk völlig unabhängig von dessen Schöpfer sehen? Radikal ausgedrückt von Barthes: Der Autor ist tot, es lebe das Werk!
Bespiele wie: Martin Heidegger (Philosoph), Otto Muehl (Maler), Roman Polanski (Filmemacher), Deepak Chopra (Mediziner und Autor, der sich sehr mit Spiritualität auseinandersetzt) werfen diese Frage auf.
Philosophen beantworten diese Frage ganz unterschiedlich: Während KANT meint, Moral sei unteilbar, stellt FOUCAULT die Idee des Autors infrage und sieht diesen eher als kulturelle Konstruktion. Auch ROLAND BARTHES plädiert klar für die Trennung, indem er meint, der Autor „stirbt“ mit der Veröffentlichung des Werks. HANNAH ARENDT unterscheidet zwischen Denken und moralischem Handeln und sieht das offenbar differenzierter, auch wenn man ihr Verhältnis mit und zu Heidegger mitdenkt. ADORNO wiederum meinte, Kunst sei nie unschuldig und man muss die gesellschaftlichen Umstände immer mitdenken.
In der POSITIVEN PSYCHOLOGIE wird, wenn auch in einem anderen Kontext, klar unterschieden zwischen dem Handeln einer Person, das man durchaus verurteilen kann und dem Menschen selbst, über den man nicht urteilen sollte. Ein ähnliches Konzept findet sich auch im BUDDHISMUS, in dem Urteilen zur Anhaftung, Verstrickung und Leid führt. Jedes Gefühl, jeder Gedanke und jede Handlung hat ohnehin Konsequenzen, die der Betreffende selbst tragen muss.
WAS ALSO TUN?
Wenn ich nicht über den Menschen urteile, sondern nur über das Werk, ist das nicht auch eine Trennung?
Da all diese Positionen unterschiedlich sind, bin ich wieder auf mich selbst zurückgeworfen. (Das scheint ohnehin eine Art Zeitqualität zu sein.)
Mich selbst beobachtend, habe ich versucht, mich nochmals mit den Werken auseinanderzusetzen. Ich – für mich – kann ich die Trennung zwischen Werk und Schöpfer nicht vollständig vollziehen. Wobei das nicht heißt, dass Aussagen unwahr werden oder das Werk keinen künstlerischen Wert mehr besitzt. Ich kann nur nicht mehr unvoreingenommen sein oder anders ausgedrückt, das Wissen über die Einstellung, das Fehlverhalten oder die Verbrechen, die die jeweiligen Schöpfer haben oder begangen haben, verändert meine Sichtweise und eröffnet mir neue Perspektiven der Rezeption.
Wobei, wie im jüngsten Fall von Chopra, auch der „Sturz vom Sockel“ eine Rolle spielt.
Ganz allgemein ist es, ganz abgesehen vom Pharisäertum, auch der Vertrauensverlust, der mich hindert, das Werk isoliert zu sehen.
Vielleicht zeigt sich da aber auch etwas sehr Menschliches und der hohe Anspruch, niemals einen Menschen zu verurteilen, kann nicht immer gehalten werden.
EHRLICH – ICH WEISS ES NICHT!
Folgende Fragen bleiben für mich offen:
KANN MAN DAS WERK VOLLSTÄNDIG, TEILWEISE ODER NIE VOM SCHÖPFER TRENNEN?
BLEIBT DAS EINE INDIVIDUELLE BETRACHTUNG UND ENTSCHEIDUNG ODER GIBT ES EINEN GESELLSCHAFTLICHEN AUFTRAG SICH DIESER FRAGE ZU WIDMEN? Die Konsequenzen wären und sind bereits weitreichend (Stichwort: Cancel Culture versus ungehemmter Pluralismus).
WANN UND WIE ENTSCHEIDET SICH JEDER EINZELNE VON UNS FÜR ODER GEGEN DIE TRENNUNG – UND WARUM?
Wie geht ihr damit um? Wie steht ihr zu diesem Thema?
Ich wünsche euch ein schönes Wochenende! CM